News 31.05.2017

Warum nicht mal „hinten ohne“?

Pickups

Pickups haben hierzulande im Geschäftsbereich immer noch ein Cowboy-Stigma. Dabei sind sie für einige Anwendungen die wirklich allerbeste Wahl.

 - Gerade die Seltenheit in Verbindung mit dem „Anpacker-Image“ macht Pickups durchaus auch zu einem Mittel der Firmen-Außendarstellung. (Isuzu D-Max)
Gerade die Seltenheit in Verbindung mit dem „Anpacker-Image“ macht Pickups durchaus auch zu einem Mittel der Firmen-Außendarstellung. (Isuzu D-Max)
Isuzu

Die meisten Dachdeckerunternehmen haben eine. Auf so mancher Baustelle entstehen wegen ihrer Zahl sogar regelrechte Staus und sicherlich käme kein Gartenbaubetrieb auf die Idee, sich ein anderes Fahrzeug zu besorgen, um damit Bäumchen und Werkzeug zum Kunden zu transportieren. Die Rede ist nicht etwa, wie die Überschrift Glauben machen könnte, von Pickups, sondern von einem nahen aber doch ziemlich eigenständigen Verwandten: Der klassischen Pritsche auf Basis eines Ducato, Sprinter oder T6. Sie ist nicht nur deutschland- sondern europaweit der Liebling aller Betriebe, die Platz ohne Fahrzeugdecke benötigen. Warum jedoch gerade der „echte“ Pickup für viele Betriebe die bessere Wahl sein könnte, lesen Sie im Folgenden.

 Vier auf einen Streich

Es beginnt damit, dass der hierzulande handelsübliche Pickup, sprich, Midsize Euro-Modelle wie der im vergangenen Jahr vorgestellte Toyota Hilux der achten Generation, Ford Ranger oder Mazda BT-50 in aller Regel mit einem serienmäßigen Extra in den Handel kommen: Allradantrieb.

Und damit sind keine „Light“-Vierradantriebe gemeint, die sich auf das Prinzip der Haldexkupplung oder ähnliche Bauweisen stützen oder der Kraftschluss zwischen den Achsen über Flüssigkeiten herstellen, sondern „echte“ Allradantriebe, die entweder zuschaltbar oder permanent sind, in jedem Fall aber über eine robust-mechanische Verbindung und Differenziale für die Vorder- und Hinterachse verfügen.

 - Toyota Hilux
Toyota Hilux
Toyota

Der Unterschied liegt hier im Detail. Die zuerst genannten Allradantriebe mit Viscokupplung und Co. geben sich auf der Straße mit ihren gröberen Brüdern gegenseitig nicht wirklich viel – hier wirken bei beiden Formen die Fahrsicherheits-erhöhenden Vorteile der angetriebenen vier Räder. Sobald man jedoch die Straße verlässt, wird der Abstand der rustikalen Vierradantriebe umso größer, je gröber das Gelände ist.

Wenn die Baustelle gleich neben einer geteerten Straße liegt, ist das natürlich „Overkill“. Doch schon bei Baufirmen, die häufig Großbaustellen bedienen, macht es Sinn, wenn man bedenkt wie der Untergrund eines solchen Großgeländes nach einigen Tagen Regen aussieht. Und sowieso für alle Unternehmen, deren Arbeitsbereich zumindest teilweise in der Forstindustrie und den damit verbundenen, oftmals wegelosen Strecken liegt. Zudem muss man bedenken, dass die generelle Geländetauglichkeit von Pickups schlicht um Längen größer ist, weil hier meistens nicht nur mehr Bodenfreiheit vorhanden, sondern das Radhaus über der obersten Reifenkante wesentlich großzügiger bemessen ist.

In Kombination erlaubt das eine wesentlich größere Achsverschränkung, ohne dass man befürchten muss, die Technik am Unterboden des Fahrzeugs zu demolieren - zumal hier, auch pickuptypisch, oftmals weitergehende Schutzmaßnahmen wie stählerne Unterfahrschutzbleche installiert sind.

 - Die Kabine bietet reichlich Platz für die Passagiere. Die Cockpitanmutung ist wie im Pkw.
Die Kabine bietet reichlich Platz für die Passagiere. Die Cockpitanmutung ist wie im Pkw.
Nissan

Arbeitstier im Sakko

Eine weitere Gruppe, die definitiv von den neueren Bauarten der Pickups profitiert, sind die Entscheider. Ob Bauleiter, Architekten oder Firmenchefs. Alle, die regelmäßig zwischen den Welten „Büro“, „Kunden“ und „Baustelle“ pendeln müssen, tun dies am besten in einem Pickup. Warum? Ganz einfach:

  • Pickups gelten hierzulande als Lifestylemobile, werden also mit entsprechend gehobenen Ausstattungen angeboten sodass sie sie – ungleich eines Pritschenwagens - nicht zu sehr nach „Arbeitslaster“ aussehen
  • Durch moderne Fahrwerkskonstruktionen ist auch ungeladen ein Fahrkomfort möglich, der sehr dicht an dem eines PKW liegt
  • Nur der Pickup ermöglicht es diesen Personenkreisen, ebenfalls zum Materialtransport auf der Baustelle beizutragen („ Chef, können Sie bitte noch fünf Säcke Estrich mitbringen?“) ohne dass dabei ein luxuriöser Innenraum verschmutzt oder beschädigt würde

Und dann will auch noch ein weiterer Faktor bedacht sein: Ein normaler PKW, mit dem der Architekt auf der Baustelle war, sieht im schlimmsten Fall hinterher so aus, als hätte man damit eine Rallye absolviert. Mit einem schlammverdreckten Audi oder Mercedes käme kaum ein Entscheider auf die Idee, beim nächsten Kunden vorzufahren, sondern müsste die nächste Waschstraße ansteuern. Der Pickup bleibt zwar bei einem solchen Abstecher auch nicht sauber, im Gegensatz zum PKW ist dort Schmutz aber sehr viel weniger ein optisches Problem. Denn die meisten Menschen sehen und akzeptieren diese Fahrzeugform als Geländewagen – und da gehört Schmutz quasi dazu, sodass das Image des Unternehmens nicht darunter leidet, wenn das Firmenlogo auf den Pickup-Flanken von Matschspritzern bekleckert ist.

 Image ist alles

Wie funktioniert Werbung? Über diese Frage lassen sich ganze Bücher schreiben. Im Kern läuft es jedoch praktisch immer so, dass Werbung Aufmerksamkeit generieren will. Und wodurch erzeugt man Aufmerksamkeit? Dadurch dass man aus der Masse hervorsticht. Und das funktioniert am besten durch Dinge, die in einer Gesellschaft unüblich sind.

Um das auf den Pickup umzulegen: Welcher Autofahrer oder Fußgänger dreht sich heute nach einem schwerbeladenen Pritschenwagen alter Schule um? Praktisch keiner, selbst wenn das Firmenlogo noch so aufwendig gestaltet und auf das Fahrzeug foliert wurde. Es liegt einfach daran, dass Pritschen- und Kastenwagen schlicht zum mitteleuropäischen Straßenbild ebenso dazugehören wie Limousinen und Kombis.

Und nun stelle man sich vor, welche Wirkung es auf einen Passanten hat, wenn neben ihm auf einmal ein XXL-Pickup vom Schlage eines Dodge RAM stehenbleibt, auf dessen Ladeflächen-Flanken ein entsprechend kecker Slogan á la „ Dachdeckerei Hönig – wir stemmen auch die größten Projekte“ prangt. Das Ansehen dieser Firma wäre ein ganz anderes.

Wer an dieser Stelle nicht ganz zu Unrecht einwerfen möchte, dass solche großen Pickups auch durchaus negative Stimmen nach sich ziehen können, dem sei ein weiterer Werbegrundsatz entgegnet. Denn obschon positives Echo natürlich besser für ein Unternehmen ist, taugt generell erst einmal jede Form von Aufmerksamkeit zur Imagepflege. Und so trägt der große Truck, über dessen Abmessungen sich vielleicht ein Autofahrer auslässt, ein weiteres Mal zur Steigerung der Bekanntheit eines Unternehmens bei.

 - Wo die Arbeit hauptsächlich auf befestigtem Grund getan wird, können Pickups gegenüber klassischen Pritschen keine Punkte machen.
Wo die Arbeit hauptsächlich auf befestigtem Grund getan wird, können Pickups gegenüber klassischen Pritschen keine Punkte machen.
Bott

 Steuern steuern

Wessen Unternehmen Pritschenwagen besitzt, der weiß, welche steuerlichen Klimmzüge er je nach Bundesland absolvieren muss, um diese als LKW anmelden zu lassen und so von den damit einhergehenden Vergünstigungen zu profitieren. Bei Doppelkabinen wird es immens schwierig, denn hier gehen die meisten Finanzämter davon aus, dass der Personentransport eher im Fokus steht als der von Ladung.  

Zwar gilt dies nach einem Münsteraner Gerichtsurteil so auch für Pickups. Was aber viele dabei vergessen, ist die Tatsache, dass es sich hierbei um eine ganz nüchterne Flächenrechnung handelt: Wenn nämlich die Ladefläche mehr als die Hälfte der gesamten Nutzfläche einnimmt, ist davon auszugehen, dass das Fahrzeug eher zur Lastenbeförderung gedacht ist. Daran ändert auch die Ansicht

des Bundesfinanzhofs nichts, der der Ansicht ist, dass Doppelkabiner-Pickups deshalb keine LKW seien.

Das mag für Euro-Pickups mit Doppelkabine gelten, bei denen die Ladefläche vielleicht nur ein Drittel der Nutzfläche ausmacht. Bei allen größeren Pickups steigt indes die Ladefläche und übertrifft bei amerikanischen Modellen die des Innenraums selbst bei großen Doppelkabinern deutlich.

Mit einem großen „Truck“ ist es also für Unternehmer eher möglich, ihren Wunsch nach einer steuerlichen LKW-Vergünstigung durchzusetzen als bei klassischen Pritschen.

 - Das X-Class Concept gibt einen konkreten Ausblick auf das erste Pick-up-Modell von Mercedes
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Mercedes-Benz

Das gehört dazu

Wer sich an dieser Stelle ernsthaft für den Pickup interessiert, sollte das nun folgende Kapitel aufmerksam durchlesen, denn es enthält viele Punkte, die bei Kauf und Betrieb eines Pickup Beachtung finden sollten, weil sie den Arbeitseinsatz im rauen Alltag erleichtert.

  • Für die Ladefläche empfiehlt es sich, auf einen Schutz zu setzen. Hier gibt es derzeit zwei Möglichkeiten: Wannen aus Kunststoff oder sogenannte „Spray-in-Bedliner“. Letzteres ist zwar etwas kostspieliger, versiegelt dafür die Ladefläche allerdings deutlich besser und schützt so vor Macken und Kratzern eines Arbeitsalltags – wohingegen die Wannen im Heimatland der Pickups dafür berühmt-berüchtigt sind, wahre Rostnester auf der Ladefläche zu produzieren. Dadurch steigt der Wiederverkaufswert.
  • Für Bau- und sonstige Arbeitsfahrzeuge sind Warnmarkierungen nach DIN-30710 unerlässlich. Für eine gesetzeskonforme Anbringung ist es natürlich auch hier erforderlich, an Front und Heck des Pickups die vorgeschriebenen acht Normflächen anzubringen – was im Vergleich zur Pritsche jedoch leichter ist, weil die Heckklappen des Trucks i.d.R. höher sind.
  • Insbesondere für Firmen, die in Wäldern etc. arbeiten, ist eine Winde an der Front des Trucks empfohlen. Und zwar eine, die mindestens das Anderthalbfache des zulässigen Fahrzeug-Gesamtgewichts ziehen kann.
  • Insbesondere bei großen Pickups sollte eine Rückfahrkamera mitbestellt werden, weil sie das Rangieren mit diesen Fahrzeugen immens erleichtert.
  • Sollen regelmäßig schwere Anhängerlasten gezogen werden, sollte beim Kauf auf eine entsprechende Übersetzung von Getriebe und Achsen geachtet werden. Manche Hersteller liefern hier spezielle „Anhänger-Pakete“
  • Auch wenn die Ladeflächenwände deutlich höher sein mögen, als bei einer klassischen Pritsche, darf dennoch nicht die vorgeschriebene Ladungssicherung ignoriert werden. Hier ist darauf zu achten, dass auf den Seiten oder innerhalb der Ladefläche Ösen vorhanden sind oder zumindest mitbestellt werden, die ein entsprechendes Sichern der Ladung ermöglichen

Ebenfalls bei vielen Firmen bewährt hat sich zudem ein kleiner Arbeitsscheinwerfer, der am Kabinendach montiert ist und auf Knopfdruck die Ladefläche des Pickups ausleuchtet.

 Für wen der Pickup keine Alternative ist

Natürlich listet dieser Artikel vor allem die Vorzüge eines Pickups gegenüber der Pritsche. Es soll jedoch nicht vergessen werden, dass es auch eine ganze Reihe von Unternehmen gibt, die nicht von seinen Tatsachen profitieren.

Beginnend seien dabei sämtliche Firmen genannt, die praktisch ausschließlich im innerstädtischen Bereich aktiv sind. Hier gibt es in Deutschland meist weder das Gelände, noch die extremen Winter-Wetterlagen, die den teilweise happigen Aufpreis des Pickups gegenüber einer Pritsche rechtfertigen würden (beispielsweise T6-Pritsche DoKa ab 26.189€, Amarok ab 34.450€). Ebenso gehören dazu auch kleinere Bauunternehmen, die nie auf quadratkilometergroßen Baustellen unterwegs sind und auch ansonsten keine Geländegängigkeit benötigen.

Und natürlich seien auch sehr preisbewusste Unternehmen inkludiert. Denn nicht nur die Anschaffungskosten von Pickups sind meist höher, sondern auch der generelle Unterhalt. Denn obgleich ihre Seltenheit bei der Versicherung gewisse Preissenkungen ermöglichen, werden diese durch teurere Ersatzteile wie etwa Reifen meist mehr als wettgemacht.

 Fazit

Der Pickup kann für so manche Firmen der ideale Ersatz bzw. eine Ergänzung zur klassischen Pritsche sein. Dabei muss aber immer darauf geachtet werden, dass der Pickup zwar mehr gibt, aber auch mehr kostet. Vor allem wenn die ungleich höhere Fahrbarkeit in grobem Gelände im Fokus steht, gewinnt der Pickup. Doch er tut es auch dort, wo sich ein Unternehmen einfach durch ein automobiles Statement von der pritschenfahrenden Konkurrenz abheben möchte.  (RED)

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