News 01.08.2017

"Druck auf die Preise"

Interview mit Dieter Fess, BF Forecasts

Der Druck auf den Dieselmotor steigt. Allenthalben wird über sein Aus spekuliert, und es ist absehbar, dass die Restwerte unter Druck geraten. Wir haben uns mit Dieter Fess, Mitinhaber der Bähr & Fess Forecasts, zum Thema Diesel-Restwerte unterhalten.

Herr Fess: Sehen Sie schon Auswirkungen auf die Akzeptanz des Diesels durch den Skandal und die Diskussion um Fahrverbote?

Fess: Im Moment treffen noch zu viele Diesel aus den Fuhrparkbeständen auf immer weniger Kaufinteressenten auf dem Gebrauchtwagen-Markt und dies sorgt kurz- und mittelfristig für Druck auf die Gebrauchtwagen-Preise. Insofern ist die Wahrheit „Was neu gut geht, geht auch gebraucht“ nur noch bedingt richtig.

 - Dieter Fess, Mitinhaber von Bähr & Fess Forecasts.
Dieter Fess, Mitinhaber von Bähr & Fess Forecasts.
BF Forecasts

Die signifikant zurückgehende private Nachfrage nach Dieseln im Neuwagenbereich hingegen wird das Angebot im Second-hand-Markt einregeln, wird die Gebrauchtwagen-Preise auf Dauer stabilisieren und den Druck auf Dieselmodelle nehmen. SUVs werden hierbei länger attraktiv bleiben als Fahrzeuge unterhalb der Mittelklasse und auch die Mittelklasse selbst. Die hochpreisigen Dieselfahrzeuge finden auf absehbare Zeit weiterhin eine Klientel, die in der Lage und willens ist, die hochwertigen und teuren Stickoxid-Reduktionstechnologien zu bezahlen.

Und dennoch werden auch die infrage stehenden Euro-5-Modelle ihre Käuferschaft finden - wenn der Preis stimmt. Dann nimmt man/frau eben die Bahn, wenn es partout nicht in die Innenstadt nach Stuttgart gehen darf, oder einen kleinen Umweg in Kauf, wenn die etwas über 2.000 Meter der Hamburger Max-Brauer Allee zukünftig zur No-Diesel-Zone ausgerufen werden.

Wann rechnen Sie mit sinkenden Restwerten? Und in welchem Ausmaß?

Fess: Aufgrund des enormen Angebotsüberhangs von gebrauchten Firmenwagen mit Dieseltechnologie und einer dem gegenüberstehenden nur moderaten Nachfrage nach bestimmten dieser Modelle, haben wir schon vor einigen Jahren damit begonnen, die Diesel-Restwertprognosen schrittweise zu reduzieren. Ein anderer Grund für diese Korrekturen der Prognosen liegt im immer komplexeren Aufwand begründet, die Dieseltechnologie „sauber“ und umweltkonform, damit aber auch preislich zu verteuern und unattraktiv zu machen. Realitätsferne, politische Vorgaben führten dazu, dass manche Hersteller die sehr ambitionierten EU-Normen auf ihre eigenen Weisen zu erreichen oder zu unterschreiten versuchen. In jedem Fall aber ist die Technologie teuer, die Wege zu sauberem Diesel investitionsintensiv und der Erreichungsgrad obendrein in einigen Fällen mehr als fragwürdig. Aber es wäre auch ohne Tricksereien absehbar gewesen, dass der Aufwand irgendwann nicht mehr im Verhältnis zum Ertrag steht, sprich: Dieselmotorisierungen für viele Verbraucher zu teuer werden. Die Käuferschaft der großen SUVs, Oberklasse- und Luxuslimousinen hingegen wird noch deutlich längere Zeit die Preise für potente Dieselmotoren zu zahlen bereit sein.

Wir rechnen mit Marktkorrekturen, die sich in bestimmten Segmenten, wie der Mittel- und Kompaktklasse, wahrnehmbarer auswirken als bei den leichten Nutzfahrzeugen, den Kleinwagen oder dem Luxus- und Sportwagensegment. Diese momentane Bugwelle, die den Handel trifft, wird sich, das lehrt die Vergangenheit, in wenigen Jahren zu einer sehr abgeschwächten und unspektakulären kleinen Dünung verändern und mit dieser werden alle umzugehen wissen.

Was raten Sie Unternehmen derzeit, wenn es um Neuanschaffungen geht?

Fess: Die Nicht-Balance zwischen Erst- und Zweitmarkt muss justiert werden. Zu viele Diesel mit hohen Laufleistungen und üppigster Ausstattung treffen auf dem Zweitmarkt auf sehr preisbewusste Interessenten, die weder an hohen Fahrleistungen noch an hohen Gebrauchtwagenpreisen und einer Armada von Assistenzsystemen interessiert sind, zumindest dafür nicht viel bezahlen wollen.

Was muss geschehen, damit der Diesel weiterhin akzeptiert und gekauft wird?

Fess: Die Interessenten müssen zuallererst Vertrauen in die Technologie zurückgewinnen und zweitens Vertrauen in die politischen Rahmenbedingungen, unter denen Dieselfahrzeuge zukünftig zugelassen werden sollen, bekommen. Im Moment befinden wird uns in einer Transitionsphase, in denen noch zu viele Diesel auf den Gebrauchtwagenmarkt treffen. Bald wird die Hybridisierung um sich greifen, die Gebrauchtwagenbestände an Dieselmodellen werden wieder vermarktbar. Viele Absatzkanäle im europäischen Ausland werden aufgemacht und intensiviert werden, der Abfluss von möglichen Überbeständen wird langfristig moderiert.

Welche Alternativen stehen zur Verfügung?

Fess: Die Automobilindustrie steuert schon lange dagegen und setzt auf Downsizing, also die Hubraumreduzierung und gleichzeitig auf Aufrüstung der Turbotechnologie, um das Drehmoment zu erhöhen. Der Siegeszug des Diesel beruhte auf zwei Faktoren: günstiger Verbrauch bei sehr guten Fahrleistungen. Das liefern mittlerweile auch manche Benzin- und natürlich auch hybride Motoren. Es existieren aber auch bereits interessante Versuche mit SCR-Kats in Zusammenhang mit „Mild-Hybriden“, besonderen Additiven und vielem mehr, die helfen sollen, den Diesel umweltverträglicher zu machen. Jedoch die wachsende Elektrifizierung und der langfristige Trend zur Brennstoffzelle, da sollte man sich nichts vormachen, macht in der Zukunft Verbrennungsmotoren aus vielen Gründen unattraktiv. Großstädte wie London und Paris verhängen den Dieselbann - andere werden folgen - und das alles wird dazu beitragen, dass der Diesel, nach heutigem Kenntnisstand, eine absehbare Karriere haben wird. hjm

Vielen Dank für das Gespräch.

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