News 24.10.2017

Mercedes X-Klasse: Ein Pickup mit Premiumansprüchen

Mercedes-Benz Pickup

Nach der V-Klasse verbindet Mercedes erneut Pkw- und Nutzfahrzeug-Knowhow und erweitert von Anfang November an seine Modellpalette mit einem Pickup. Der soll Premiumansprüche erfüllen.

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Mercedes Benz

„Ein spezielles Fahrzeug für spezielle Leute“- so ordnet Volker Mornhinweg, Chef der Mercedes-Vans, das jüngste Produkt der Modellpalette, die X-Klasse, ein. Der Pickup ist seiner Meinung nach das Richtige für die, die von einem Auto robuste On- und Offroad-Eigenschaften gepaart mit Mercedes-typischem Komfort erwarten.

Damit wird auch schnell klar, dass sich die Stuttgarter Autobauer bei ihrer in Kooperation mit Nissan und Renault gebauten Version bewusst gegen ein klassisches „Arbeitstier“ entschieden haben. Zwar gibt es eine so genannte Pure-Variante mit einer Innenausstattung, die auch mal etwas mehr Dreck und Staub verträgt sowie über deutlich weniger Chromelemente verfügt. Doch von ihr erwartet man sich hierzulande eine eher geringe Nachfrage. Und auch eine für Gewerbetreibende übliche Single-Cap-Baureihe ist nicht vorgesehen.

Kein klassisches Arbeitstier

„Wir wollen mit dem Fahrzeug eher die Handwerker ansprechen, die am Wochenende ein Lifestyle-Auto für den Ausflug mit der Familie oder für die Fahrt zu sportlichen Aktivitäten nutzen, beziehungsweise Betriebe, die die Robustheit eines Pickups schätzen, dabei aber auf den Komfort eines Pkw nicht verzichten wollen“, erklärt Mornhinweg. Und noch eines spricht aus seiner Sicht für die Wahl des Sternenträgers: „Haben sich im Fuhrpark Fahrzeuge wie Sprinter, Vito oder Citan bereits bewährt und es passt dann auch ein Pickup ins Portfolio, dann kann man das bestehende Servicenetz und die Verbindungen zum Händler der Wahl effizient nutzen.“ 

Dass Mercedes bei der Entwicklung der kraftvoll gezeichneten X-Klasse – unter anderem mit stark modelliertem Powerdome auf der Motorhaube und weit in die Kotflügel gezogenen Scheinwerfern - trotz aller Premiumansprüche dennoch auch alltagstaugliche Bedürfnisse im Blick hatte, zeigt sich unter anderem an der im Vergleich zum Nissan Navara oder dem Renault Alaskan sieben Zentimeter breiteren Spur. Damit wächst auch die Breite der Ladefläche um dieses Maß (1,56 Meter bei 1,59 Meter Länge) – was es Branchen wie kommunalen Energieversorgern, Garten- und Landschaftsgestaltern oder auch Architekten und Bauleitern möglich macht, eine Europalette quer zu platzieren. Zuladen kann die X-Klasse 1,1 Tonnen, die Zugkraft beträgt 3,5 Tonnen.

Alltagstauglichkeit und hochwertig

Die weiter auseinander stehenden Räder (1,63 Meter vorne und 1,62 Meter hinten) im Zusammenspiel mit dem langen Radstand (3,15 Meter) tragen zudem zu einer satten Straßenlage bei. Anders als bei den Wettbewerbern kommen zudem an den beiden komplett neu konstruierten Achsen Schraubenfedern zum Einsatz. Selbst schneller gefahrene Kurven meistert die X-Klasse problemlos. Hier setzt eher die für europäische Verhältnisse zu indirekte Lenkung eine Grenze. In den Hauptmärkten Südamerika, Australien oder Südafrika wird man diese Auslegung aber sicher schätzen. Die innenbelüfteten Scheibenbremsen (vorne 32 Zentimeter, hinten 30,8 Zentimeter Durchmesser), die Mercedes als einziger Hersteller im Segment einsetzt, dürften aber in allen Länder gleich gut ankommen.

Gute Offroad-Eigenschaften

Das gilt auch für das eher auf Komfort ausgelegte Fahrwerk – spätestens, wenn es ins Gelände geht. Dann bewährt sich eine Bodenfreiheit von 202 Millimetern (mit dem optionalen Komfortfahrwerk 20 Millimeter mehr) ebenso wie der zuschaltbare Allradantrieb 4MATIC (lieferbar für X 220d/ X 250d). Scheinbar mühelos wühlt sich der Pickup mit einem Böschungswinkel von 29 Grad vorne beziehungsweise 24 Grad hinten selbst über steile Passagen mit tiefen Rinnen und Löchern hinweg. Die Wattiefe beträgt 60 Zentimeter. Dank der serienmäßigen Bergabfahrhilfe DSR dürfen auch mal Treppen auf dem Weg liegen – ganz sachte und maximal acht Kilometer pro Stunde schnell hangelt sich das Mehrzweckfahrzeug hinunter. Eine Low-Range-Untersetzung sowie eine optionale Differenzialsperre an der Hinterachse sorgen zudem für souveräne Durchsetzungskraft.

Getriebe mit Schw ä chen

Nicht ganz so souverän wirkt indessen das optionale Siebengang-Automatik-Getriebe. Es lässt den Motor insbesondere beim Beschleunigen unnötig hoch drehen und wirkt dadurch wenig harmonisch. Der serienmäßige Sechsgang-Handschalter dürfte also vorerst die bessere Wahl sein. Die besteht bei den Triebwerken lediglich zwischen zwei Leistungsstufen des 2,3-Liter-Diesels, der mit 163 oder 190 PS zu haben ist. Beide Selbstzünder haben Heckantrieb in Serie und stammen wie die komplette Antriebseinheit von Renault/Nissan. Als Top-Version legt Mercedes Mitte 2018 aus eigener Fertigung einen Dreiliter-V6-Diesel mit 258 PS, Siebengang-Automatik und permanentem Allradantrieb nach. Auch wenn diese Kombination nicht unbedingt flottentauglich ist: die Bezeichnung „Sportwagen unter den Pickups“ ist nach ersten Testkilometern auf dem Beifahrersitz wirklich nicht übertrieben.

Bleibt man im Sinne von unternehmensfreundlichen Betriebskosten – Mornhinweg ordnet sie im Bereich eines Vito ein – bei der wie gesagt immer noch hochwertig bestückten Basisversion muss man für die X-Klasse mit 37.294 Euro (netto) 6.884 Euro mehr als für das japanische und gut 300 Euro mehr als für das französische Modell ausgeben. Die Pkw-ähnliche Atmosphäre an Bord wird einzig von Dingen wie einer fehlenden Längsverstellung der Lenkradsäule getrübt. Laut dem Nutzfahrzeug-Chef war die den im Rahmen der Entwicklung befragten Kunden am wenigsten wichtig und von daher verzichtbar. Beim Anspruch eines Premiumfahrzeugs klingt das eher überraschend.

Sabine Neumann

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