bfp-Interview

Riskmanagement: "Bewusstsein zu gering ausgeprägt"

Ein professionelles Riskmanagement sorgt dafür, dass viele Schäden gar nicht erst entstehen. Riskmanager Ralph Feldbauer sagt, worauf es dabei ankommt.

Inhaltsverzeichnis

Von Christian Frederik Merten

Mit seinem Unternehmen Riskguard hat sich Ralph Feldbauer auf das Riskmanagement in Fuhrparks spezialisiert. Im Gespräch mit bfp FUHRPARK & MANAGEMENT erläutert der Riskmanager, weshalb ein professionelles Riskmanagement für Unternehmen wichtig ist und welche Trends das Riskmanagement derzeit beeinflussen.

Schadenprävention bei Versicherern im Fokus

bfp: Herr Feldbauer, welche generellen Riskmanagement-Trends sehen Sie derzeit in den Fuhrparks?

Ralph Feldbauer: Meine Wahrnehmung ist, dass das Thema Schadenprävention vor allem auf Seiten der Versicherer weiter extrem in den Fokus rückt. Nahezu alle Versicherungsunternehmen in Deutschland beschäftigen sich deutlich intensiver mit diesem Thema als das noch in der Vergangenheit der Fall war. Die Unternehmen haben starkes eigenes Interesse daran, sich ein Bild über das Schadenverhalten in den Fuhrparks zu machen und diese Informationen ihren Kunden auch transparent darzustellen.

bfp: Welche Aktivitäten lassen sich derzeit auch auf Versichererseite unter dem Begriff Riskmanagement subsummieren?

R. Feldbauer: Das lässt sich einheitlich leider nicht sagen, da der Begriff Riskmanagement sehr individuell interpretiert wird. Es gibt Anbieter, die bereits eine einfache Schadenübersicht als Riskmanagement bezeichnen, andere dagegen bieten ein intensives Komplettpaket mit entsprechender Beratungsleistung.

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Risikobewertung abhängig von individuellen Faktoren

bfp: Auf Fuhrparkseite lassen sich Risiken sicher ebenso wenig mit einer einheitlichen Schablone bewerten, oder?

R. Feldbauer: Da haben Sie völlig Recht, das ist leider nicht möglich. Denn die Risikobewertungen hängen immer von individuellen Faktoren im Fuhrpark ab. Dazu gehören zum Beispiel die Branche, die Einsatzarten, die Fahrzeugarten, die technische Ausstattung des Fuhrparks, Fahrleistungen oder auch die Fahrerinnen und Fahrer durch das Fahrverhalten selbst. All diese Faktoren beeinflussen die Risikobewertungen der Unternehmen und bei den Versicherungen natürlich auch ihre Risikoprämien in sehr unterschiedlicher Gewichtung.

bfp: Wie beeinflusst die Elektromobilität das Riskmanagement in den Fuhrparks?

R. Feldbauer: Da sehe ich vor allem zwei Einflussfaktoren: Zum einen die neuen Technologien der E-Mobilität, zum anderen das veränderte Fahrverhalten. Zum Beispiel bergen Lithium-Ionen-Akkus ganz andere Brandrisiken als herkömmliche Verbrennungsmotoren. Und außerdem nehmen viele Elektroautos dem Fahrer schon viele Aufgaben ab …

bfp: … Sie sprechen die immer intelligenteren Fahrerassistenzsysteme an …

R. Feldbauer: Genau, und mit der Weiterentwicklung dieser Fahrerassistenzsysteme, die wie natürlich auch bei klassischen Verbrennern sehen, wird sich irgendwann die Frage stellen, welche Handlung noch in der Verantwortung der Fahrer liegt. Denn wir sehen ja mit dem technischen Fortschritt einen Trend weg von der Fahrzeugbeherrschung durch den Fahrer hin zu reinen Bedienung. Auch das ist ein wichtiger Punkt der Risikobewertung.

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Assistenzsysteme oft falsch genutzt

bfp: Tragen die Assistenzsysteme heute denn schon zu mehr Fahrsicherheit bei?

R. Feldbauer: Bei richtiger Bedienung ist das sicherlich der Fall. Was wir heute aber sehen: Die richtige Bedienung der Fahrerassistenzsysteme und auch der Infotainmentsysteme wird häufig während der Fahrt autodidaktisch geübt. Und was wir aus unseren Unfallanalysegesprächen auch erfahren: Die Funktionen und Wirkungsweisen der Systeme sind vielen Fahrerinnen und Fahrern einfach noch unklar. Eine Situation, die natürlich großes Unfallrisikopotenzial in sich birgt.

bfp: Wie können Fuhrparkmanager an diesem Punkt gegensteuern?

R. Feldbauer: Fuhrparkmanager können hier nicht gegensteuern, sie müssen es. Ein Dreh- und Angelpunkt dafür ist die korrekte Fahrerunterweisung nach den Vorgaben der Unfallverhütungsvorschriften (UVV) und vielleicht sogar noch darüber hinaus. Nur so lässt sich sicherstellen, dass die Fahrerinnen und Fahrer die Autos nicht nur bedienen können, sondern die Systeme auch beherrschen und deren Auswirkungen auch wirklich verstehen.

Ernsthafte Konsequenzen bei unzureichender Unterweisung

bfp: Was riskieren Unternehmen, die in diesem Punkt nachlässig arbeiten?

R. Feldbauer: Die korrekte Fahrerunterweisung ist ein wesentlicher Punkt der Halterhaftung. Wer hier nicht nach den rechtlichen Vorgaben und den Vorgaben der Berufsgenossenschaften arbeitet, riskiert nicht nur hohe Bußgelder und Regressforderungen, sondern im Zweifel auch strafrechtliche Konsequenzen. Das gilt nicht nur, aber vor allem nach Unfällen mit Personenschaden. Riskmanagement hat also nicht nur eine betriebswirtschaftliche, sondern auch eine juristische Dimension.

bfp: Welche Konsequenzen hat das in den Fuhrparks Ihrer Erfahrung nach?

R. Feldbauer: Ich sehe, dass die Bereitschaft in vielen Unternehmen sehr deutlich steigt, sich mit Konzepten zur Schadenvermeidung im Fuhrpark auseinanderzusetzen. Damit tun diese Unternehmen einen wesentlichen Schritt zur Erhöhung der Fahrersicherheit sowie zur Erhöhung der Rechtssicherheit – in allererster Linie auch für die Verantwortlichen selbst.

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Bewusstsein in den Unternehmen gestiegen – von niedrigem Niveau

bfp: Es gibt in den Unternehmensführungen also ein Bewusstsein für die Relevanz eines professionellen Fuhrpark-Riskmanagements?

R. Feldbauer: Sagen wir es einmal so: Das Bewusstsein ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Es ist aber im Schnitt immer noch zu gering ausgeprägt. In der Regel ist dieses Bewusstsein aber noch kostengetrieben und entsteht meistens auch auf Druck des Versicherers oder nach einem fatalen (Groß-) Schaden in der Firmenflotte – welcher sich in der Regel auch über die Schadenhäufgkeiten bereits ankündigt.

bfp: Welchen Einfluss üben technische Innovationen im Auto grundsätzlich auf die Risikosituation im Fuhrpark aus?

R. Feldbauer: Einen überwiegend positiven Einfluss. Aber nur dann, und das ist mir sehr wichtig, wenn auch die Fahrerinnen und Fahrer auf diese neuen Technologien geschult werden und diese neuen Anwendungen auch wirklich beherrschen. Denn dass wir als Riskmanager heute trotz zahlreicher Assistenzsysteme in vielen Fällen ähnliche Schadenbilder sehen wie in der Vergangenheit, ist in erster Linie Folge des mangelnden Verständnisses für diese neuen Systeme.

Riskmanagement schon auf organisatorischer Ebene wichtig

bfp: Wenn das Auto dem Fahrer immer mehr Aufgaben abnimmt: Wie können Fuhrparkmanager das Schadenverhalten in ihrer Flotte dann überhaupt noch beeinflussen?

R. Feldbauer: Ich sehe das Thema Riskmanagement nicht nur auf den eigentlichen Akt des Fahrens beschränkt. Meiner Meinung nach müssen Riskmanagement-Maßnahmen schon weit vorher, auf organisatorischer Ebene, greifen. Als Beispiel kann ich hier nochmals das Thema Einweisung nennen oder aber auch die Planung der technischen Ausstattung der Fahrzeuge. In diesem Sinne haben Fuhrparkmanager in Zukunft weiterhin großen Einfluss auf die Schadenprävention. Es ist nur die Frage, an welchen Stellhebeln sie langfristig ansetzen müssen.

bfp: Welchen Einfluss haben neue Mobilitätsformen wie Diensträder oder auch Angebote wie Mobilitätsbudgets auf das Riskmanagement der Zukunft?

R. Feldbauer: Das ist eine sehr plakative Frage, aber lassen Sie mich sie so beantworten: Zentraler Bestandteil eines erfolgreichen Riskmanagement-Konzepts ist heute die Sensibilisierung der Fahrer. Diese Sensibilisierung lässt sich in Zukunft sicherlich auch auf andere Verkehrs- und Mobilitätssituationen außerhalb des Autos übertragen.

bfp: Herr Feldbauer, herzlichen Dank für das Gespräch.

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