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Expertengespräch zur Future Mobility

"Autofahren bald nur noch auf Nürburgring oder Kirmes"

E-Mobilität, autonomes Fahren – was bewegt uns heute, was morgen? Experten auf dem bfp Fuhrpark-FORUM wagen einen Blick in die Glaskugel.

Inhaltsverzeichnis

Von Christina Rath

"Ich habe 16 Jahre lang Gas gegeben. Fünf BMW-M-Modelle bin ich gefahren", sagt Amir Roughani. Dieses Bekenntnis des CEO von Vispiron fällt mitten in einer Diskussionsrunde zur Energiewende im Fuhrpark, dem EDISON-Talk.

"Heute bin ich mit meinem E-Smart happy", so Roughani weiter. Damit ist er mitten im Thema. Nicht nur sein eigenes Fahrzeug, der gesamte Fuhrpark von Vispiron ist mittlerweile elektrisch. Kann betriebliche Mobilität ein Schlüssel für einen Mobilitätswandel in Deutschland sein? Immerhin sind 60 Prozent aller neu zugelassenen Fahrzeuge gewerblich. Also kommt den Akteuren hier eine Vorreiterrolle zu. Was sie entscheiden, hat Auswirkungen auf die ganze Gesellschaft.

Spielregeln der Mobilität verändern sich

Neben dem EDISON-Talk beschäftigen sich auch eine Reihe von Vorträgen und Workshops auf dem Fuhrpark-FORUM am Nürburgring mit dem Themenkomplex Future Mobility. In Zeiten von intensiven Diskussionen um den Klimawandel, vollen Straßen und "Parkplätzen, die in Gold aufgewogen werden", wie es Wolfgang Weidemann, Referent der bfp-AKADEMIE, formuliert, ist alternative Mobilität das Stichwort der Stunde.

Der Dieselskandal tut sein Übriges – er bringt die Fuhrparkmanager dazu, ihre Mobilitätskonzepte zu überdenken. "Den Dieselskandal wird man irgendwann als Katalysator der Mobilitätswende betrachten", sagt Prof. Dr. Stefan Bratzel, Direktor des Centers of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach. "Wir sehen, wie sich die Spielregeln der Mobilität drastisch verändern."

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Erfindergeist gefragt

Einen Erfindergeist wie den von Thomas Edison – der weit mehr als nur die Glühbirne erfunden hat – scheint es zu brauchen, um in Sachen Mobilitätskonzepte voranzukommen. Und tatsächlich schwirrt auf dem Forum die Luft vor lauter unterschiedlichen Ideen und Konzepte, wie die Zukunft der Mobilität gestaltet werden kann – seitens der Politik, der Wirtschaft oder der Gesellschaft.

Viele Unternehmen haben die Zeichen der Zeit schon erkannt, haben Elektroautos, E- und Cargo-Bikes oder Diensträder angeschafft, operieren mit Corporate Carsharing oder einem Mobilitätsbudget, bei dem sich die Mitarbeiter die vom Arbeitgeber gestellten Mittel selbst aufteilen kann: Wähle ich einen dicken Dienstwagen? Ein kleineres Auto plus E-Bike? Oder doch eine Bahn-Card?

"Mobilität ist Teil der persönlichen Freiheit"

Menschen wollen mobil sein, sich bewegen. Und sie wollen selbst entscheiden, wann, wohin und auf welche Weise. Jeder hat andere Bedürfnisse, ist anderen Erfordernissen ausgesetzt. Da ist zum einen der Manager, der auf dem Land wohnt, und mit seinem Dienstwagen zweimal in der Woche lange Strecken hinter sich bringen muss.

Oder der Handwerker, der großes Gerät mit sich schleppt, aber täglich nur kleine Wege zurücklegen muss. Der Angestellte mit Wohnsitz mitten in der Großstadt, der regelmäßig im Homeoffice arbeitet. Weil ihn Staus und Parkplatzsuche nerven, fährt er ansonsten mit Bus oder Fahrrad.

"Mobilität ist so individuell wie ein Fingerabdruck", sagt Akademie-Referent Wolfgang Weidemann in seinem Vortrag über Vorteile der betrieblichen Mobilität, "sie ist Teil der persönlichen Freiheit." Die Mobilität von morgen muss also individuell, bedürfnisorientiert und einfach sein.

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Klein ist fein

Individuell, intelligent und vernetzt. Da sind wir bei der Digitalisierung, die die Grundlage für innovative Future-Mobility-Konzepte darstellt. Von Konnektivität, Infotainment-Lösungen, intelligenter, flexibler Fahrplansteuerung bis hin zum autonomen Fahren - die Möglichkeiten werden immer vielschichtiger und komplexer, dank Big Data und Künstlicher Intelligenz.

Mit einem Satz: "Die Zukunft hat begonnen", sagt Franz W. Rother, Chefredakteur der Zeitschrift Edison. Experte Stefan Bratzel geht sogar noch weiter und prophezeit zum Thema autonomes Fahren: "In 20 bis 30 Jahren wird kaum noch jemand einen Führerschein machen. Dann fährt man Auto nur noch am Nürburgring oder auf der Kirmes."

Die Digitalisierung schiebt auch die Entwicklung der Mikromobilität an. Hier geht es um kleine, leichte, meist elektrische Fahrzeuge wie Falträder oder die derzeit durch die Presse geisternden E-Scooter, die die Mobilitätskette sinnvoll ergänzen können. Platzsparend zusammengeklappt lassen sie sich zum Beispiel im Kofferraum verstauen und erlauben es dem Autofahrer, außerhalb zu parken und die sogenannte letzte Meile schnell, flexibel, stressfrei und auf moderne, zukunftsträchtige Weise zurückzulegen.

Der Trend geht zum Nicht-Besitz

Wichtig ist es, die unterschiedlichen Verkehrsträger miteinander zu vernetzen und smart zu kombinieren, etwa mit Car- und Ridesharing-Angeboten oder dem Öffentlichen Nahverkehr, wie Henrik Zölzer vom Hamburger Start-up 25ways betont. "Google hat vier Wege – mit dem Auto, zu Fuß, mit dem Rad oder der Bahn. Wir haben mehr."

Sein Unternehmen hat eine Smartphone-App entwickelt, mit der Nutzer ermitteln können, mit welchem Verkehrsmittel oder welcher Verkehrsmittelkombination sie am besten von A nach B kommen. Und das auch gleich über die App buchen können. Digitalisierung als Motor und Problemlöser.

Roughani bricht während der Diskussion eine Lanze fürs Corporate Carsharing. Die Idee: Alle Mitarbeiter sollen Fahrzeuge aus dem Flottenpool für dienstliche und private Fahrten nutzen. Fuhrparkbetreiber können so ihre Fahrzeugflotte besser auslasten und damit sehr viel effizienter nutzen. Auch Kooperationen mit anderen Unternehmen seien hier denkbar. Abrechnen lässt sich das über eine Software.

Auch das ist ein Trend: der Trend zum Nicht-Besitz, zum Teilen. Zahlt man Autofahrten pro Zeit und Nutzungsdauer, spart man Geld und ist flexibel. "Bei jungen Leuten wächst die Akzeptanz hier rasant", weiß Edison-Chefredakteur Rother. Das bestätigt auch Hendrik Zölzer von 25ways: "Bei denen gilt ein sowohl als auch." Darauf müssten sich Unternehmen einstellen. Ein attraktiver Arbeitgeber müsse auch bei der Mobilität eine Bandbreite an Möglichkeiten, einen bunten Strauß an Benefits anbieten, um gute Fachkräfte für sich zu gewinnen.

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Verkehrsmittel klug nutzen

"Gerade in urbanen Zentren tritt Eigentum in den Hintergrund zugunsten einer klugen Nutzung von Verkehrsmitteln", sagt Daniela Schmitt, Ministerin für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau des Landes Rheinland-Pfalz. Sie sieht drei große Entwicklungslinien:

  • Innovation bei den Antriebstechnologien
  • autonomes Fahren
  • die Entstehung neuer Geschäftsfelder

Und der Fuhrparkmanager? Der "will keine falschen Entscheidungen treffen", sagt Roughani. Einfach so auf elektrisch umzustellen, das gehe nicht. Denn er müsse die Funktionstüchtigkeit seiner Flotte gewährleisten, dabei Haftungsfragen, Datenschutz und gesetzliche Rahmenbedingungen im Blick behalten, ebenso wie die Kosten und einiges mehr. "Was er braucht, ist ein Mobilitätsprofil des Unternehmens, das ihn bei seinen Entscheidungen unterstützt." Auch hier helfe die Digitalisierung.

"Angreifen und kämpfen"

"Digitalisierung, Mobilität und Energie – diese drei Dinge müssen wir zusammenbringen", sagt der Vispiron-CEO, betont aber gleichzeitig in Anspielung auf seine Petrolhead-Vergangenheit: "Wir als Autonation sind dabei, unser allerliebstes Kind zu verlieren." Da sei viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Doch auch der Farbfernseher, das Smartphone und die Digitalkamera hätten sich trotz anfänglicher Vorbehalte und Unsicherheiten durchgesetzt. Beim Auto müsse man wohl das Thema Status neu definieren und mehr in Richtung Verantwortung drehen.

"Deutschland liegt bei der E-Mobilität hinter anderen Ländern zurück. Wir dürfen uns nicht gegenseitig in Schutz nehmen." Das sei wie beim Fußballspiel: "Wenn man zurückliegt, kommt man mit einer defensiven Strategie nicht weit. Da muss man angreifen und kämpfen!"

Wissenschaftler Bratzel stützt Roughani: "In Norwegen sind 50 Prozent der Neuzulassungen Elektroautos. In Deutschland sind es zwei Prozent, das ist relativ homöopathisch." Schließlich habe die E-Mobilität (noch) ein Problem, das er "R.I.P.-Problem" nenne – nämlich Reichweite, Infrastruktur und Preis. "Reichweite und Infrastruktur stehen dabei in einem systemischen Zusammenhang." Je mehr Reichweite ein Fahrzeug biete, desto weniger Infrastruktur in Form von Ladepunkten sei nötig. Und umgekehrt.

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"Mehr Aha-Erlebnisse"

Doch wie bringt man die Menschen dazu, ihre Routinen zu ändern? Indem man eben nicht den Fokus auf Verzicht lege. "Man muss ihnen einen Mehrwert bieten, etwas Begehrenswertes", sagt der Direktor des CAM-Instituts, und nennt als Beispiele Gesundheit und günstige Preise. "Die Menschen brauchen Aha-Erlebnisse."

Schätzungen gehen davon aus, dass 2025 bis 2030 E-Fahrzeuge in deutlich größerem Umfang auf Deutschlands Straßen unterwegs sein werden. Ob das tatsächlich so passiert, wird die Zukunft zeigen. Andreas Brodhage, Geschäftsführer Global Automotive Service und Vertreter der Freien Werkstätten, bringt es auf den Punkt: "Immer das, was Blödsinn ist, setzt sich nicht durch." Oder eben umgekehrt.

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