Foto: Amac Garbe / DLR

bfp Interview

DLR-Forschung: „Die Lastenradnutzung ist nicht nur ein rein großstädtisches Phänomen“

„Ich entlaste Städte“ war der bisher größte öffentliche Praxistest von Lastenrädern in Europa. bfp FUHRPARK & MANAGEMENT sprach mit Johannes Gruber, der das Projekt nun am Institut für Verkehrsforschung des DLR wissenschaftlich auswertet.

Bundesweit haben mehr als 700 Unternehmen und Institutionen seit Sommer 2017 am Lastenradtest von „Ich entlaste Städte“ teilgenommen. Jeweils drei Monate haben sie eines von 152 Lastenrädern im gewerblichen Alltag getestet und an Befragungen per App, Telefon und Online-Fragebogen – auch auf dem bfp FORUM 2019 - teilgenommen. Nun werden die Ergebnisse am Institut für Verkehrsforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) wissenschaftlich ausgewertet.

bfp: Herr Gruber, Sie haben über zwei Jahre lang Lastenräder im Bereich betriebliche Mobilität im Berufsalltag testen lassen. Können Sie uns schon vorab verraten, welche die überraschendste Erkenntnis für Sie bei der Studie war?

Johannes Gruber: Ja, herzlichen Dank für die Einladung zum Gespräch. Tatsächlich konnten mit unserem Projekt „Ich entlaste Städte“ insgesamt 750 gewerbliche Nutzer elektrifizierte Lastenräder im Berufsalltag ausprobieren, jeweils rund drei Monate lang. Das Testprojekt hat letztlich dazu geführt, dass sich rund ein Drittel der Betriebe im Nachgang ein Lastenrad angeschafft haben und dies nun auch dauerhaft nutzen. Die große Anzahl derjenigen, die nun selbst ein Lastenrad nutzen, hat mich tatsächlich sehr überrascht und erfreut.

bfp: Für welche Zwecke und Branchen eignet sich der Einsatz von Lastenrädern?

Johannes Gruber: Prinzipiell kann man zwischen zwei Einsatzformen für Lastenräder unterscheiden: dem Güterverkehr und dem Serviceverkehr. Während bei ersterem der Transport als Zweck im Vordergrund steht , wie etwa die Verteilung von Material zu verschiedenen Standorten einer Organisation, geht es beim Serviceverkehr um die Dienstleistung am Zielort, etwa bei Handwerkerfahrten. An dem Projekt haben ganz unterschiedliche Betriebe und Einrichtungen teilgenommen, aus nahezu allen Wirtschaftszweigen. Ein Viertel der Teilnehmer und Teilnehmerinnen waren beispielsweise Soloselbständige und Freiberufler, wobei jede zehnte beteiligte Organisation ein Konzern war. Blickt man auf die Landkarte, so zeigt sich, dass Bewerbungen aus über 70 Prozent aller deutschen Landkreise kamen. Man kann also auch bilanzieren, dass die Lastenradnutzung nicht nur ein rein großstädtisches Phänomen ist.

bfp: Haben Sie Beispiele, wie Lastenräder erfolgreich Transporter oder Servicefahrzeuge ersetzen konnten?

Johannes Gruber: Erfolgreiche Beispiele gibt es viele und vor allem überall dort, wo konventionelle Fahrzeuge auch bei kurzen Strecken und zum Transport von leichten Gütern oder Materialien verwendet werden: Das kann bei einer Elektrotechnikfirma, einer Schreinerei oder einer Boutique mit Webshop sein, aber ebenso bei einem kommunalen Reinigungsunternehmen, bei Architekten, Beratern, Facility Management oder Pflegediensten.

Bei unseren Erhebungen konnten wir sehen, dass die Teilnehmenden für etwa zwei Drittel der im Testzeitraum gefahrenen Lastenrad-Kilometer sonst einen konventionellen Pkw oder Transporter genutzt hätten. Lastenräder können also zu einer substanziellen Reduktion von Emissionen und Lärm im städtischen Wirtschaftsverkehr beitragen.

bfp: Sicher waren die Unternehmen zuerst skeptisch. Mussten Sie viel Überzeugungsarbeit leisten?

Johannes Gruber: Unser Angebot hat selbst die Überzeugungsarbeit geleistet, weil es den ausgiebigen Fahrzeugtest recht bequem und risikofrei für die Entscheiderinnen und Entscheider ermöglichte. Nichtsdestotrotz wies unser Vorhaben bewusst auch Elemente einer Kampagne auf. Wir wollten das praktische Wissen zur gewerblichen Lastenradnutzung vergrößern und haben daher auch zahlreiche Infoveranstaltungen inklusive Fahrzeugtestmöglichkeit vor Ort durchgeführt, etwa auf dem bfp Fuhrparkforum 2019 am Nürburgring. Auf unserem Webportal lastenradtest.de werden wir die Erkenntnisse der 750 Testpiloten auch für Interessierte zur Verfügung stellen, die nicht selbst mitmachen konnten.

bfp: Welche Vorteile hat denn ein Lastenrad im Bereich der betrieblichen Mobilität?

Johannes Gruber: Unsere Tester haben sowohl weiche als auch operative Vorteile als entscheidende Treiber für das Lastenrad wahrgenommen. Weiche Vorteile von Lastenrädern sind etwa ihr förderlicher Effekt auf das Firmenimage, die gesundheitsfördernde Wirkung oder auch ein mit ihnen verbundener Spaßfaktor. Für viele Unternehmen war der Umstieg auf Lastenräder auch eine Möglichkeit, Vorbildfunktion in ihrer Branche zu übernehmen. Vieles deutet darauf hin, dass es gerade Entscheider sind, denen solche weichen Faktoren wichtig sind, die sich letztlich eher zu einem Kauf von Lastenrädern entschließen.

Aber auch im operativen Bereich bietet das Lastenrad viele Vorteile, speziell in stauanfälligen Gebieten: Genannt wurde vor allem die Flexibilität, die das Lastenrad mit sich bringt sowie die Unabhängigkeit von Parkplätzen. Auch die direkte Erreichbarkeit des Zielorts in für Autos gesperrten Gebieten. In einem Fachartikel haben wir die Fahrtzeiten von Lastenräder und Pkw miteinander verglichen und gesehen, dass man bei einem Wechsel vom Auto zum Lastenrad in 50 Prozent der Fälle höchstens zwei bis zehn Minuten später ankommen würde. Das gilt für Strecken bis 20 Kilometer und berücksichtigt noch nicht die Zeit für das Suchen von Parkplätzen oder den Fußweg vom Parkplatz zum Zielpunkt.

Auch ökonomische Vorteile können mit dem Lastenrad aufgrund der geringeren Anschaffungskosten gegenüber Pkw prinzipiell realisiert werden – allerdings gibt es auch Fälle, wo mit Blick auf die gesamte Flotte zunächst höhere Kosten auftraten, da das Lastenrad zu Beginn der Fuhrparkumstellung als zusätzliches Fahrzeug mit aufgenommen wurde.

bfp: Und welche Nachteile hat ein Lastenrad?

Johannes Gruber: Selbstverständlich hatten wir auch Tester, die zu einem negativen Urteil über die Tauglichkeit von Lastenrädern kamen, denn naturgemäß sind diesem Fahrzeugkonzept auch mit Elektromotor praktische Grenzen hinsichtlich Reichweite und Zuladung gesetzt.

Häufig haben wir bei der Erprobung von insgesamt 23 verschiedenen Lastenradmodellen in fünf verschiedenen Bauformen festgestellt, dass klassische Fahrradkomponenten oder spezifische Bauteile wie die Transportkiste noch nicht in der Qualität vorliegen, wie sie für eine komfortable und sichere gewerbliche Dauernutzung nötig wären. Auch ein Servicenetzwerk wurde vermisst. Allerdings zeigt sich seit einigen Jahren eine erfreuliche Belebung und Professionalisierung des Marktes: Die Lastenräder werden robuster und vielfältiger, nachgelagerte Dienstleister etablieren sich graduell.

Bislang halten die zu hohen Anschaffungskosten einige Unternehmen vom Kauf ab, ebenso wie eine mangelhafte Fahrradinfrastruktur. Hier könnte die Politik über Förderprogramme und die Ertüchtigung von Radwegen wirksam werden.

bfp: Herr Gruber, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Clemens Noll-Velten

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