Foto: Dennis Gauert

Fahrtest Mercedes-Benz Sprinter 314 CDI H2

Zu viel für die Blaumänner?

Wer beim Transporter viel erwartet, kennt den Sprinter als feste Größe. Wie sich der aktuelle Sprinter 314 CDI macht, weiß bfp FUHRPARK & MANAGEMENT.

Inhaltsverzeichnis

Dennis Gauert

Mit dem Sprinter haben die Schwaben sich im Nutzfahrzeug-Segment als Nenngröße für die Dreieinhalbtonner ein Denkmal gesetzt. Mercedes-Benz Vans setzt bei dem Kastenwagen-Klassiker weiter auf die individuelle Bestellung. So sind Front-, Hinterrad- und Allradantrieb wählbar, bei den Ausstattungen sind kaum Grenzen gesetzt. bfp FUHRPARK & MANAGEMENT war mit dem OM651-Diesel mit Sechs-Gang-Schaltgetriebe unterwegs, der fahren und sparen gleichermaßen beherrscht.

Der ikonische Kastenwagen aus Stuttgart ist weiter als Original erkennbar, kommt aber mit windschlüpfrigerem Design als früher um die Ecke. Dicke, breite Lamellen im Kühlergrill spannen die Muskeln an. Dennoch bleibt der Sprinter ein leichtes Nutzfahrzeug, das in seiner Gesamtheit ein Kasten ist. Vielleicht der Beste? Daimler hat in der Klasse bisher Maßstäbe setzen können. So nehmen wir unseren Testwagen gespannt in Empfang, der mit einem Nettopreis von 35.980 Euro im Portemonnaie einen Griff tiefer liegt als mancher Franzose oder Italiener. Hinzu kommen umfangreiche Ausstattungsdetails. Allein das Hochdach schlägt auf dem mittleren Radstand mit 1.668 Euro zu Buche.

Komfort kostet

Für die satten Aufpreise wollen die Fahrer etwas geboten bekommen: Zuverlässigkeit, hervorragende Fahreigenschaften, optimale Raumnutzung und, vor allem, Komfort für Vielfahrer. Denn losfahren und liefern – das können die Dreieinhalbtonner alle. So finden wir uns im Testwagen direkt in einem elektrisch verstellbaren Fahrersitz (1.051 Euro) mit Komfortkopfstütze (60 Euro) und Sitzheizung (194 Euro) wieder. Wo es sich in Konkurrenzmodellen anfühlt als kippte man beim Fahren in Richtung Windschutzscheibe, wird es im Sprinter heimelig. Dazu trägt auch das in Höhe und Tiefe verstellbare Dreispeichenlenkrad bei, das mit neuen Bedienkonzepten (154 Euro) gespickt ist.

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Für Macher zu sensibel

Berührungsempfindliche Bedienfelder befinden sich nebst Hebeln und Knöpfen links und rechts als Lenkradfernbedienung auf den Speichen. Besonders hervor sticht hier ein Navigationsfeld über das der Bordcomputer mit Farbdisplay (307 Euro) zwischen den analogen Instrumenten bedient werden kann: Sicher eine schöne Spielerei mit moderner Optik – nur ob sie in einem Nutzfahrzeug den richtigen Platz hat, fragen wir uns. Die geforderte Sensibilität dürfte im Alltag eines Paketboten oder Handwerkers eher stören als nutzen. Außerdem sind Kratzer bei schmutzigen Baustellen-Händen vorprogrammiert. Wer schnell arbeiten und von A nach B kommen will, nimmt lieber mit Schaltern und Knöpfen Vorlieb, die man auch blind bedienen kann.

Wer drücken will, muss sich strecken

Das Cockpit ist insgesamt sehr erwachsen designed und nimmt die modernen Daimler-DNA mit. Besonders sichtbar wird dieser Aspekt beim kleinen MBUX-Infotainmentsystem mit Sieben-Zoll-Touchscreen (909 Euro) und Navigation (756 Euro) der in eine in Klavierlack gehaltene Umrahmung mit runden Lüftungsdüsen gefasst sind. Darunter stehen Kurzwahltasten für betriebsrelevante Funktionen bereit. Mit der großen Fläche im Mittelpunkt des Armaturenbretts hat man dem Sprinter keinen Gefallen getan, denn sie lässt das gebotene Infotainment mickrig erscheinen und platziert es zudem – zugunsten der Symmetrie – weit weg vom Fahrer. Gleiches gilt für das Bedienteil der Klimaanlage.

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Daimler hält am OM651 fest

Richtig gut passen hingegen Fahrersitz, Lenkrad und Schalthebel. Durch sechs Gänge werden in unserem Testwagen 143 PS aus dem lange bekannten OM651 dirigiert. Mit Adblue-Abgasreinigung schafft er die Euro-6d-Temp-Norm und ist durch den seit 2018 erhältlichen Frontantrieb besonders sparsam. Mit 6,5 Litern Diesel kann sich der unbeladene Sprinter schon begnügen. Beladen werden es wohl acht bis neun Liter sein. Ein Autobahntempo von140 km/h wird mit knapp zehn Litern quittiert.

Positiv fällt der Durchzug des OM651 auf. Der Vierzylinder-Diesel fackelt nicht lange und legt mit 380 Newtonmetern schon ab 1.200 U/min los, die bis 2.400 U/min anliegen. Bei 3.800 U/min folgt dann die maximale Leistung von 143 PS. Der Diesel ist als mittlere Motorisierung damit für das Fahrzeuggewicht angemessen und zieht die Nadel auf der Skala immerhin souverrän bis 160 km/h. Weiter muss mit einem frontangetrieben Hochdach auch nicht gehen können – wenn unser Testwagen auch mit einem Seitenwind-Assistenten ausgestattet ist.

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Die Reifen zähmen den Frontantrieb

Wo Transporter von PSA und Ford schon mit den Hufen scharren, behält der Sprinter trotz der Antriebsachse im Bug seine Spur auch bei Nässe bei. Das dürfte auch der Sommerbereifung mit 225 Millimetern Breite auf 16-Zoll-Felgen (Aufpreis 1.072 Euro) geschuldet sein, die bei der Konkurrenz eher selten zu finden ist. So ausgerüstet darf man auch den frontangetrieben Sprinter als voll einsatzfähig bezeichnen. Für besondere Witterungs- und Geländebedingungen stehen noch Hinterrad- und Allradantrieb in der Aufpreisliste.

Patzer gibt es auch in Stuttgart

Wenn dem Sprinter der Wind um die Ohren fegt, lassen sich davon die Seitenspiegel beeindrucken, die bei Autobahngeschwindigkeit stetig in Bewegung sind. Das muss ebenso wenig sein, wie das Deja-Vus beim Schließen der vorderen Türen – oft bleiben sie auf der Hälfte im Schnapper hängen. Ein weiteres Ärgernis ist das kleine Soundsystem, das auf Sound in den Türen verzichtet. Stattdessen projizieren mittig im Armaturenbrett eingesetzte Lautsprecher auf die Frontscheibe, sodass sich ein blecherner Sound ohne Bässe ergibt, den auch ein kleiner Bluetooth-Lautsprecher hätte liefern können.

Fazit:

Der Sprinter bietet – wie zu erwarten – eine solide Vorstellung auf den Ebenen Nutzbarkeit, Fahrverhalten, Motor und Flexibilität im Alltag. Die Aufpreisliste liegt jedoch schwer im Magen und grenzt sich von den Billigheimern nicht nur zum Guten ab. Wer das kleine Infotainment-System inklusive Navigation und DAB+ sein eigen nennen möchte, zahlt über 2000 Euro. Das ist für das Gebotene viel zu viel. Zusätzlich schleicht sich mit den falsch ausgerichteten Vordertüren ein Verarbeitungsmangel in die weiße Weste. Hier müssen die Schwaben wieder mehr für ihr Geld tun.

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