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Foto: Dirk Enters / bfp

Basiswissen E-Fuhrpark

Wie Lastenräder die betriebliche Mobilität ergänzen und was Flottenverantwortliche wissen sollten

Ob auf zwei, drei oder vier Rädern: Lastenräder sind längst ihrem Nischendasein entwachsen und können in vielen Branchen auch die betriebliche Mobilität sinnvoll ergänzen. Wir beleuchten, was für Flottenmanager wichtig ist.  

Totgeglaubte leben manchmal nicht nur länger, sie feiern in bestimmten Fällen sogar schillernde Comebacks. Das gilt für Elektroautos, die schon um das Jahr 1900 emsig durch die Metropolen surrten, genauso wie für ihre schlankeren Geschwister. Die Rede ist von Lastenrädern. Während auch sie sich um die Jahrhundertwende zu einer beliebten Alternative zu Zugkarren, Fuhrwerken und Co. gemausert hatten, verschwanden die Gefährte hierzulande spätestens mit der Wirtschaftswunderzeit weitgehend von den Straßen. Wer sich in den folgenden Jahrzehnten dennoch aufs Lastenrad schwang, wurde gern als unverbesserlicher Öko-Idealist belächelt. Kein Wunder, Energie war günstig, der Begriff Nachhaltigkeit noch nicht im allgemeinen Wortschatz verankert und um ein grünes Image mussten sich Unternehmen mit Fuhrparks kaum sorgen.

Vom Gestern ins Heute

„Bleibt alles anders“, um einen berühmten deutschen Barden zu zitieren: Allein 2020, so führt es der Nationale Radverkehrsplan 3.0 des Bundesministeriums für Verkehr und Digitale Infrastruktur (BMVI) auf, wurden in Deutschland 103.000 Lastenräder verkauft, der Großteil davon (78.000) mit elektrischer Unterstützung. Angesichts solcher Zahlen wäre es also vermessen, noch von einer reinen Modeerscheinung zu sprechen. Vielmehr ist das Lastenrad auf dem besten Weg, sich als feste Größe im Mobilitätsmix zu etablieren – auch im Bereich der gewerblichen Nutzung. Eine ebenso erfreuliche wie notwendige Entwicklung. Denn abgesehen vom Klimawandel und dem international vereinbarten 1,5-Grad-Ziel geht es ebenso um die Lebensqualität in den Innenstädten. Verstopfte Straßen, verkehrsbedingter Flächenverbrauch, gesundheitsgefährdende Schadstoffbelastung, Zweite-Reihe-Parken etc. sind beileibe keine zukunftstauglichen Modelle. Begleitend kommen Themenkomplexe, wie ein gesteigertes Nachhaltigkeitsbewusstsein auf Kundenseite und nicht zuletzt eine neue Generation von Arbeitnehmern hinzu, die ihre Entscheidung für oder gegen ein Unternehmen immer häufiger vom ökologischen Bewusstsein des Arbeitgebers abhängig macht. Kurz gesagt: Flottenmanager sind gut beraten, sich ernsthaft mit dieser Mobilitätsergänzung oder sogar alternative ernsthaft auseinanderzusetzen.

Diese Typen von Lastenrädern gibt es

Wer den Begriff „Lastenrad“ in die Suchmaschine eingibt, dem geht es in der Regel ähnlich wie bei der Recherche nach einem klassischen leichten Nutzfahrzeug: riesige Begriffsflut, riesige Modellvielfalt … und im ersten Moment ziemlich wenig Durchblick. Der Markt für die smarten Lastenesel präsentiert sich aktuell extrem dynamisch. Allerorts sprießen neue Start-ups aus dem Boden, die einen sprechen von E-Cargobikes, andere von Lasten-Pedelecs, Long John triff auf Long Tail, hinzu kommen die unzähligen und meist recht hip klingende Produktnamen der Hersteller. Doch Wirrwarr hin oder her, vom grundsätzlichen Aufbau her lassen sich Lastenräder in zwei Haupttypen aufteilen:

  • Einspurige Lastenräder: Sie sind sozusagen die Urväter aller Lastenräder und ähneln den klassischen Drahteseln. In der oftmals „Long John“ genannten Variante befindet sich hinten ein großes und vorne ein kleines Rad; zwischen Lenker und Vorderrad ist Platz für das Ladegut. Bei den gewöhnlich als „Long Tails“ bezeichneten Lastenrädern ist der Cargo-Bereich hinter dem Sattel platziert und ähnelt einem übergroßen Gepäckträger.
  • Zweispurige Lastenräder: Sie gibt es als dreirädrige „Trikes“ oder sogar vierrädrige Varianten. Im Gegensatz zu den einspurigen Kollegen bieten beide logischerweise eine höhere Nutzlast, benötigen aufgrund ihrer Breite aber auch mehr Platz.
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Foto: Herbert Piel / bfp Auch Sortimo hatte mit dem ProCargo CT1 L2 mit SideTopLoader ein Lastenrad bis Mai 2021 im Programm.

Natürlich existieren bei den einspurigen Lastenrädern diverse Subtypen, darunter zum Beispiel Modelle, die sich dank Aufklappmechanismus im Handumdrehen vom Normalrad zum Lastenrad umwandeln lassen. Bauformbedingt ist die Vielfalt bei den zweispurigen Vertretern selbstredend noch höher, vor allem, was die Größe der Cargo-Module anbelangt. Die aktuell wohl avanciertesten Ausbaustufen der zweispurigen Lastenräder bieten sogar Features wie Wetterschutzkabinen und Cargoboxen mit Transportvolumina von bis zu 2 m³.

So werden Lastenräder rechtlich und steuerlich eingeordnet

Angesichts der Eigenschaften moderner, elektrisch unterstützter Lastenrad-Typen mag sich manch einer die Frage stellen: Sind das überhaupt noch Fahrräder? Die klare Antwort: Jein. Wie bei regulären E-Bikes kommt es auf verschiedene Faktoren an. Als Fahrrad gilt ein E-Lastenrad, wenn es eine Nenndauerleistung von 250 Watt nicht überschreitet, die Anfahrhilfe das Gefährt ohne menschliches Zutun auf maximal 6 km/h beschleunigt und eine Höchstgeschwindigkeit von 25 km/h gesetzt ist. In diesen Fällen spricht man von einem Lasten-Pedelec 25 – und dann greifen unabhängig von Last oder Aufbau fahrradübliche Regelungen. Solche Lastenfahrräder dürfen (und müssen sogar) wo immer möglich Radwege benutzen und benötigen weder Zulassung noch eine extra Haftpflichtversicherung, da bei Unfällen auf Dienstfahrten mit Beteiligung Dritter die betriebseigene Haftpflicht einspringt. Auch eine Helmpflicht sieht der Gesetzgeber für Lasten-Pedelecs 25 nicht vor, ebenso wie gesonderte Parkvorschriften. Heißt im Ergebnis: Beschäftigte dürfen ihre Lastenräder beispielsweise regulär an Gehwegen abstellen, wenn sie Fußgänger dadurch nicht behindern.

Wichtig für Fuhrparkverantwortliche: die UVV

Bei diesem Lastenradtyp muss aus rechtlicher Sicht keine UVV durchgeführt werden, was die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung in ihrer Information 208-047 klarstellt. Dennoch haben Arbeitgeber die Pflicht, ihre Beschäftigten gemäß DGUV in der Bedienung des Fahrzeugs zu unterweisen. Die ordnungsgemäße Ladungssicherung sollte dabei ebenfalls fest auf der Agenda stehen.

Besonders attraktiv ist außerdem die steuerliche Behandlung der 25 km/h schnellen Lasten-Pedelecs: Beim Modell der Gehaltsumwandlung versteuert der Mitarbeiter den geldwerten Vorteil der privaten Nutzung mit nur 0,25 Prozent der unverbindlichen Preisempfehlung. Beim Modell „Lastenrad als Gehaltsextra“ entfällt für den Beschäftigten die Versteuerung des geldwerten Vorteils für die Privatnutzung sogar komplett.

Anders verhält es sich dagegen mit den oft als S- oder Speed-Pedelecs 45 genannten Lastenrädern. Aufgrund ihrer höheren Leistung gelten sie im rechtlichen Sinn als Kleinkrafträder – und erfordern demnach eine Betriebserlaubnis sowie ein Versicherungskennzeichen. Die Pflicht zum Tragen eines Helms herrscht hier ebenso wie die zur Durchführung regelmäßiger UVV-Prüfungen. Steuerlich werden diese Lastenflitzer prinzipiell wie Elektro-Pkw behandelt (0,25-Prozent-Regel).

Eine runde Sache für die KEP-Branche

Blickt man auf die möglichen Anwendungsfälle eines Lastenrads im professionellen Kontext, drängt sich zunächst die sogenannte „Letzte Meile“ auf, also etwa der Weg des Paketzustellers zum Empfänger. Was die Last(draht)esel hier leisten können, untersuchte man in jüngerer Vergangenheit zum Beispiel im Rahmen des KoMoDo-Projekts in Berlin. Dabei erprobten die fünf größten Paketdienstleister Deutschlands zwölf Monate lang die Kombination aus verschiedenen Lastenradtypen und kooperativ genutzten, urbanen Mikro-Depots.

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Foto: Hermes Paketzustellung mit dem Armadillo Cargobike von Hermes in Berlin

Täglich waren bis zu elf Lastenräder in der Hauptstadt unterwegs, die im Versuchszeitraum über 38.000 Kilometer zurücklegten. Erfreuliche Bilanz nach Projektabschluss: Alle Beteiligten zeigten sich von dem Konzept grundsätzlich überzeugt. „Unter günstigen Bedingungen kann ein Lastenrad im Zustellgebiet ebenso effizient sein wie ein herkömmlicher Transporter“, urteilt etwa Gerd Seber, Group Manger Sustainability & Innovations bei DPD. Der verantwortliche Hermes-Kollege Michael Peuker pflichtet bei: „Über KoMoDo haben wir 58.000 Paket emissionsfrei zugestellt und in dem Einsatzgebiet drei von fünf klassischen Lieferwagen eingespart.“ Gute Gründe also zum Beispiel für Hermes, das Konzept engagiert weiterzuverfolgen. Erst Anfang 2021 wurden in der Hauptstadt 18 dreirädrige Cargo-Bikes mit Wetterschutzkabinen in den Fuhrpark des Logistikunternehmens aufgenommen. Jedes davon soll, so Hermes, täglich acht Kilometer Strecke machen und pro Bike etwa 100 Sendungen inklusive Nachladung von A nach B bringen.  Nicht in der Spree-Metropole, auch andernorts erobern Lastenräder peu a peu einen Anteil am innerstädtischen Verkehrsaufkommen, so zum Beispiel in Freiburg. Dort hat der Online-Gigant Amazon erst Anfang Oktober 2021 eine Flotte von 14 E-Trikes mit mannshohen Transportboxen in Betrieb genommen. Derweil stellen die Elektrohandelsketten Media Markt und Saturn in verschiedenen Städten Lieferungen seit Jahresmitte testweise per Lastenrad zu.

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Foto: Citkar Media Markt und Saturn nutzen für ihr Pilotprojekt unter anderem die E-Cargobikes von Citkar für die Warenauslieferung.

Wo Lastenräder sonst noch im Einsatz sind

Wie aber gestaltet sich die Lage außerhalb der KEP-Branche oder über artverwandte Segmente wie Essenslieferanten etc. hinaus? Tatsache ist: Lastenräder werden aktuell in verschiedensten Bereichen auf ihre Tauglichkeit geprüft.

Einer davon ist die mobile Pflege, entsprechende Feldversuche gibt es landauf landab, etwa bei ambulanten Diensten in Greifwald oder Karlsruhe. Und die Sache leuchtet ein: Statt Zeit im Stau oder bei der Parkplatzsuche zu verschwenden, investiert man diese lieber in die Betreuung pflegebedürftiger Menschen. Serviceunternehmen springen ebenfalls mehr und mehr auf den Lastenrad-Zug auf, darunter viele IT-Dienstleister, deren mitzuführendes Equipment sich locker in einem solchen Gefährt verstauen lässt. Ein besonders kreativer Nutzungsansatz kommt – wieder einmal – aus Freiburg. Dort kümmern sich die Mitarbeiter der Stadtreinigung mithilfe ihrer vierrädrigen „Gässleflitzer“ unter anderem um die Leerung der Mülleimer in öffentlichen Parks. Auch andere Kommunen haben dem Vernehmen nach bereits Interesse angemeldet.

Eine beeindruckende Zwischenbilanz also für die zwei-, drei- und vierrädrigen Transporthelfer – welche im Übrigen finanziell derzeit kräftig gefördert werden. Entsprechende Programme gibt es vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) , welches die Anschaffung von Lasten-Pedelcs 25 seit Anfang 2021 mit bis zu 2.500 Euro bezuschusst. Ergänzend sollten Unternehmen, wie bei der klassischen E-Mobilität, zudem prüfen, ob regionale Förderprogramme infrage kommen. Dem Nationalen Radverkehrsplan 3.0 des BMVI zufolge bieten gegenwärtig rund 70 Kommunen in Deutschland finanzielle Unterstützung.

Foto: SP-X/Mario Hommen

Vielseitiges Pedelec

Kompaktes Lastenrad als Allrounder

Man kann den Tern HSD S8i senkrecht parken, die Batterie herausnehmen sowie bis zu 170 Kilo (einschließlich Fahrer) transportieren.

Foto: iana_kolesnikova - stock.adobe.com

Digitales Sonderheft

So macht betriebliche Mobilität ein Unternehmen attraktiv

Ob Firmenwagen, Dienstrad oder Carsharing: bfp fuhrpark & management erklärt im digitalen Magazin, wie man mit betrieblicher Mobilität Geld und Ressourcen sparen kann.

Foto: Greenbike-Shop

Alternative Mobilität

Zuschuss für E-Lastenräder

Mit dem In-Kraft-Treten der Richtlinie zum 1. März 2018 können Anträge gestellt werden. .

Foto: Sortimo

Dienstrad

Lastenrad als Betriebsmittel

Interview mit André Rothenburg, Leiter Fleet und Transport bei der Firma ISS zu Diensträdern und Lastenfahrrad.

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